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Was Deutschland die Energieabhängigkeit kostet – und warum lokale Erzeugung billiger ist

~6 Min. Lesezeitvon Robin Kling

1,8 Billionen Euro – an Putin, Trump und Co.

Seit 1991 hat Deutschland rund 1,8 Billionen Euro für den Import von Erdöl und Erdgas ausgegeben.[1] Das entspricht mehr als dem gesamten Bundeshaushalt über fünf Jahre. Dieses Geld floss an Russland, Saudi-Arabien, die USA, Norwegen und die Golfstaaten – an Lieferanten, deren geopolitische Interessen selten deckungsgleich mit den deutschen sind.

Allein 2024 betrug die saldierte Importrechnung für Kohle, Öl und Gas rund 69 Milliarden Euro: 51 Milliarden für Erdöl, 19 Milliarden für Erdgas, 5 Milliarden für Steinkohle.[2][3] Im Krisenjahr 2022 waren es 131 bis 146 Milliarden.

Zum Vergleich: Die gesamten Investitionen in den Ausbau erneuerbarer Energien lagen 2023 bei 37 Milliarden Euro – weniger als die Hälfte der jährlichen fossilen Importkosten.[4] Fossile Importe sind laufende Kosten. EE-Investitionen sind Anlagen, die 25 bis 30 Jahre lang nahezu kostenlos Strom produzieren.

97 Prozent Abhängigkeit

Deutschland importiert 97 Prozent seines Erdöls, 95 Prozent seines Erdgases und 100 Prozent seiner Steinkohle. Öl und Gas decken über 60 Prozent des deutschen Primärenergieverbrauchs.[1] Nach dem Wegfall russischer Lieferungen wurden die Quellen diversifiziert – auf Norwegen (30%), die USA (19%) und die Niederlande (17%).[2] Die Abhängigkeit ist geblieben, nur die Lieferanten haben gewechselt.

Die LNG-Terminals in Wilhelmshaven, Brunsbüttel und Lubmin – über 10 Milliarden Euro für Infrastruktur, die fossile Importe zementiert statt sie zu ersetzen. Jedes LNG-Terminal ist eine Wette darauf, dass Deutschland auch in 20 Jahren noch Gas importieren wird. Jede Solaranlage ist eine Wette auf das Gegenteil.

Die Kostenwahrheit: Solar und Wind sind die günstigsten Energiequellen

Die aktuelle Fraunhofer-ISE-Studie zu Stromgestehungskosten (Juli 2024) zeigt ein eindeutiges Bild: PV-Freiflächenanlagen und Onshore-Wind sind mit 4,1 bis 9,2 ct/kWh die günstigsten Stromerzeugungstechnologien in Deutschland.[5]

Selbst PV mit Batteriespeicher ist günstiger als neue Kohle- und Gaskraftwerke. Erneuerbare werden jedes Jahr billiger, fossile Kraftwerke teurer – durch CO₂-Zertifikate, sinkende Auslastung und Brennstoffkosten. Bis 2045: 3,1–5,0 ct/kWh für PV-Freifläche.

Der Effizienz-Hebel: Elektrifizierung braucht weniger, nicht mehr Energie

Ein Verbrenner wandelt 18–25 Prozent der Kraftstoffenergie in Bewegung um. Ein Elektroauto erreicht 72 Prozent Well-to-Wheel-Effizienz – Faktor 3,5. Wärmepumpe COP 3,5 = Faktor 4. Global: 63.600 TWh Ölenergie → 37.000 TWh Strom – 42 % weniger. Wir brauchen mehr Strom, aber deutlich weniger Primärenergie.

Was die „Deutschland AG“ tut

Die deutsche Industrie hat längst verstanden, was die Politik noch debattiert. BASF plant bis 2035 eine Verdreifachung seines Strombedarfs. Die chemische Industrie rechnet mit 54 → 600+ TWh bis 2050. VW, BMW, Mercedes investieren Milliarden in Ladeinfrastruktur und V2G. Bosch, Siemens, Viessmann bauen Wärmepumpen und EMS. Eigener Solarstrom für 5 ct/kWh ist billiger als Netzstrom für 20 ct/kWh.

Wertschöpfung im Land statt Kapitalabfluss

Jeder Euro für fossile Importe verlässt die Volkswirtschaft. Jeder Euro in eine Solaranlage bleibt: Handwerk, Planung, Komponenten, Software. Mit 80 Mrd € könnten 10.000 Windräder oder 160 GW PV gebaut werden.[4] Die EE-Branche beschäftigt 380.000 Menschen. Der Ausbau auf 400–500 GW würde zehntausende lokale Jobs schaffen.

Geopolitische Resilienz

Energiekrise 2022: über 10 Mrd € für LNG-Terminals, vervierfachte Gaspreise, Produktionsdrosselungen. Solarstrom vom eigenen Dach: 6–13 ct/kWh, in 30 Jahren nicht teurer. Keine Lieferkette, die sabotiert werden kann. Dezentrale erneuerbare Erzeugung ist der stärkste geopolitische Schutzschild.

Der Standortvorteil Deutschland

Deutschland hat keine Öl- und Gasvorräte. Aber Wind, Sonne, starke Industriebasis, dichtes Verteilnetz, Millionen Fachkräfte. Was fehlt: ein digitaler Stack, der Erzeugung mit Verbrauch verbindet. 210 GW EE-Leistung stehen 5,5 % Smart-Meter-Abdeckung gegenüber – blockiert durch 813 Messstellenbetreiber und ein BSI-Gateway aus einer anderen Epoche.

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Quellen

  1. [1] Prof. Quaschning (2025): 1.800 Milliarden für Öl und Gas. https://klimareporter.de/energiewende/quaschning-erklaert-1800-milliarden-fuer-oel-und-gas
  2. [2] KfW Research (2025): Fossile Energieimporte Deutschlands 2024. https://www.kfw.de/PDF/Download-Center/Konzernthemen/Research/PDF-Dokumente-Volkswirtschaft-Kompakt/One-Pager-2025/VK-Nr.-251-April-2025-fossile-Importe.pdf
  3. [3] AG Energiebilanzen (2025): Jahresbericht 2024: Energieverbrauch und Importrechnung. https://ag-energiebilanzen.de/jahresbericht-der-ag-energiebilanzen-liefert-aktuellste-daten-zur-energiewirtschaft/
  4. [4] Michael Bloss; Öko-Institut (2025): Fossile Importkosten: Deutschland und EU. https://michaelbloss.eu/de/presse/themenhintergrund/deutschland-gibt-jaehrlich-ueber-80-milliarden-fuer-fossil-importe-aus
  5. [5] Fraunhofer ISE (2024): Stromgestehungskosten Erneuerbare Energien. https://www.ise.fraunhofer.de/de/veroeffentlichungen/studien/studie-stromgestehungskosten-erneuerbare-energien.html